Interview mit der Autorin

Frau Müller-Münch, Sie sprechen in Ihrem Buch davon, wie normal es für sie als Kind war, geprügelt zu werden, und dass sie, gerade weil es so normal war, dies später nie thematisiert haben. Was hat Sie dazu veranlasst, jetzt ein Buch über dieses Thema zu schreiben?

Müller-Münch: Es war die Diskussion um die sogenannten Watsch’n des Augsburger Bischofs Walter Mixa, die mich aufhorchen ließ. Als die Vorwürfe gegen Mixa immer massiver wurden, hatte er sich ja zu dem Eingeständnis durchgerungen, er könne die eine oder andere Watsch’n vor 20 oder 30 Jahren nicht ausschließen. Die sei damals aber doch völlig normal gewesen.  Hoppla, habe ich gedacht und nachgerechnet. Dabei bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Das stimmt einfach nicht. Normal war dies in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Aber doch nicht mehr  in den 80ern oder 90ern. Da versuchten viele Eltern längst durch alternative Erziehungsmethoden ihre Sprösslinge anders, möglichst gewaltfrei großzuziehen. Außerdem  war ja 1973  in der Bundesrepublik das Recht auf körperliche Züchtigung in pädagogischen Einrichtungen gesetzlich verboten worden. 1980 wurde die Kinderschaftsrechtsreform eingeführt und 1992 ratifizierte die Bundesrepublik die UN-Kinderrechtskonvention. Mixas Rechtfertigungsversuche waren also nichts weiter als Ausflüchte – was mich ärgerte und dazu führte, dass ich mich dieses Themas annahm. Denn von körperlicher Züchtigung verstand ich etwas. Vor allem von der  Gewalt, die zuhause, von Eltern ihren Kindern gegenüber ausgeübt wurde.

Wie haben Sie für Ihr Buch recherchiert und wie sind Sie zu Ihren Interviewpartnern und den vielen bildhaft geschilderten Beispielen gekommen?

Müller-Münch: Bevor ich mich entschloss, ein Buch über dieses Thema zu schreiben, hatte ich  für mehrere Rundfunksendungen Erwachsene interviewt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem Land aufgewachsen sind und in ihrer Kindheit zuhause misshandelte worden waren. Was mich dabei immer mehr irritierte war, wie leicht ich diese Interviewpartner fand. Je mehr ich mich darüber hinaus mit diesem Thema beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass es sich hierbei um eine Art flächendeckendes Phänomen der damaligen Zeit gehandelt haben muss. Dies belegten Zeitungsartikel aus den Jahren. Dies belegten Umfragen damals. Dies belegten aber vor allem die Menge an Betroffenen, die ich ohne viel Mühe überall aufspürte. Wann immer ich auf dieses Thema zu sprechen kam – schon hätte ich wieder einen potentiellen Interviewpartner gehabt. Nie zuvor ist es mir bei einer Recherche so leicht gefallen, Menschen zu finden, die mir Rede und Antwort zu einem doch sehr persönlichen Thema stehen wollten und  dazu etwas zu sagen gehabt hätten. Die meisten wollten anonym bleiben, wollten ihre noch lebenden Eltern nicht verletzen. Sie waren aber bereit und manchmal sogar erleichtert, darüber zu reden.

Nach welchen Kriterien haben sie die Menschen ausgewählt, deren Kindheit und späteres Leben sie in ihrem Buch darstellen?

Müller-Münch: Diejenigen, deren Kindheitsgeschichte hier wiedergegeben wird, sind allesamt meine ersten Gesprächspartner. Ihre Geschichten waren derart beeindruckend, dass ich mich auch später, nach zahlreichen weiteren Interviews entschied, es bei ihnen zu belassen. Danach erst  holte ich mir Rat bei Experten, sprach mit Erziehungswissenschaftlern , Traumatherapeuten, Kriminologen, Juristen und Historikern. Habe dort Szenen aus den Interviews geschildert und gemerkt, wie typisch sie für das damalige Erleben von Kindern waren.

Haben Sie bei Ihrer Recherche vergleichbare Literatur zum Thema gefunden?

Müller-Münch: Es gibt Romane und auch Sachbücher, die sich mit dem Thema beschäftigen. Ich erinnere da an die Therapeutin Alice Miller, an Katharina Rutschky’s Buch über die Schwarze Pädagogik, aber auch an Romane, in denen Betroffene ihre Kindheitsgeschichte literarisch verarbeitet haben. Eine Liste der von mir gelesenen und teils zitierten Bücher findet sich am Schluss von »Die geprügelte Generation«.
(Die Literaturhinweise finden Sie auch in der Rubrik »Literatur«, Anm. d. Red.)

Neu an meinem Buch ist sicherlich, dass laut gesagt und deutlich beschrieben wird: Es gibt eine Generation noch heute lebender Menschen, die als Kind von den eigenen Eltern fürchterlich misshandelt worden sind oder die zumindest Kinder kannten, denen es so erging. Und die es in ihrem Leben geschafft haben, sich hiergegen aufzulehnen, nach neuen Wegen zu suchen und ihre eigenen Kinder vor derartigen Erziehungsmethoden zu bewahren.

Wie definieren Sie in Ihrem Buch „geprügelt“? Wie groß ist das Spektrum der geschilderten Misshandlungen?

Müller-Münch: Ich habe mich nicht für die im Affekt verpasste Ohrfeige interessiert, für die sich Eltern anschließend entschuldigen. Was mich interessierte, waren die systematisch als Erziehungsmittel eingesetzten Prügel.

Inwiefern spielen die Erfahrungen Ihrer eigenen Kindheit für das Buch eine Rolle?

Müller-Münch: Dadurch, dass ich diese gewalttätige Erziehung am eigenen Leib gespürt habe, war ich so eine Art Expertin bei diesem Thema. Das haben meine GesprächspartnerInnen sofort mitbekommen und sich daher leichter öffnen können. Sie mussten mich nicht erst überzeugen, wie weh der Kochlöffel tut oder wie verloren und einsam sich ein Kind nach einer Tracht Prügel fühlt. Das kannte ich selbst zu genüge. Dieses gegenseitige Verständnis machte es den von mir Interviewten leichter, das Erlebte zu schildern.

Ist die „geprügelte Generation“ nur Ihre eigene Generation oder gibt es auch aktuelle Beispiele der Kindesmisshandlung, die Sie in Ihrem Buch ansprechen?

Müller-Münch: Selbstverständlich haben Prügelstrafen und Schläge nicht irgendwann abrupt aufgehört. Nur, der Zeitgeist hat sich verändert. Heute ist es nicht mehr opportun, sein Kind zu schlagen. Heute hören die Nachbarn auch nicht mehr weg, wenn sie die kläglichen Schreie eines misshandelten Kindes mitbekommen. Ich habe ausführlich in dem Buch beschrieben, dass es trotz des gesetzlichen Verbots, Kinder zu schlagen,  auch heute noch zu viele Eltern gibt, die sich hieran nicht halten. Aus den unterschiedlichsten Gründen.

Inwiefern hat die Auseinandersetzung mit diesem Thema Ihnen geholfen, mit Ihren eigenen negativen Erfahrungen zurechtzukommen? 

Müller-Münch: Ich hätte dieses Buch nicht schreiben können, wenn ich mich nicht schon längst mit meinen eigenen Erfahrungen intensiv auseinandergesetzt hätte. Eines hat das Buch allerdings bewirkt: Mir wurde noch einmal deutlich,  dass es in meiner Generation viele, leider allzu viele Erwachsene gibt, die früher mal ein unglückliches geprügeltes und misshandeltes Kind waren. Ich habe vorher nicht gewusst, dass wir so viele waren.

Das Interview können Sie auch als PDF downloaden:
Interview mit Ingrid Müller-Münch

Foto: ©WDR – Simin Kianmehr
Das Interview wurde im Dezember 2012 vom Verlag Klett-Cotta geführt.
Für Interviewanfragen, wenden Sie sich bitte an unsere Pressestelle.