Kommentar zum Thema

Das Kind spürte wie das Toilettenwasser über seinen Kopf wusch und auch der Sound/der Ton ist ihm bis heute in Erinnerung geblieben. Es war ein besonderer Ton, der eben nur zu hören ist, wenn man mit beiden Ohren, das Gesicht im Wasser, kopfunter in die Kloschüssel gedrückt wird. Was davor war, was danach kam – Filmriss – nur Emotionen der Scham, der Demütigung, der Wut, der Verzweiflung und des Hasses auf diesen Vater…

Sehr geehrtes Auditorium,

oben genannte Geschichte könnte in dem Buch »Die geprügelte Generation« stehen, das Ingrid Müller-Münch diese Woche bei Klett-Cotta herausgebracht hat, und das ich allen, in den 1950er und 1960er Jahren geborenen, empfehle zu lesen. Nur nicht als Nachtlektüre, denn: Sie könnten schlecht träumen!

Passiert ist dieses Geschehnis mir selber, 1974. Da war ich 12 Jahre und ich hatte schon eine langjährige Leidenstortur, mit dem Mann, der sich mein Vater genannt hat, hinter mir.
3 Jahre später verließ ich meine Ursprungsfamilie für immer: Einen verrückten Vater, der das Erbe seines Vaters unreflektiert und UNERLÖST (ich werde darauf noch zurückkommen) weitergab, eine Mutter, die unfähig war, ihrem Sohn zu helfen, und einem aufgehetzten Bruder, dessen Schutzschild ich war.

»Die geprügelte Generation« ist ein  Buch, das den Erziehungsmethoden der Kinder, die in den 1950er und 1960er Jahren geboren wurden, nachgeht. Es zeigt deren Spätfolgen auf (woran leiden die einst Kleinen, heute als Große) und das Buch stellt die Frage, warum Eltern ihre Kinder misshandelten. Wussten Sie, dass über 50% der Kinder dieser Jahrgänge geschlagen wurden? Ich hatte spontan das Bild meiner damaligen Klasse vor Augen. Ich wurde verdroschen,  Hannes neben mir nicht, aber Klara vom Dorf hat die Knute bekommen, Claudia wurde verschont, dafür hat Marianne Schläge bekommen… und ich  glaube auch heute in den Gesichtern der Kinder, wenn ich sie mir wieder vor  mein innneres Auge hole, erkennen zu können, wer geprügelt wurde und wer eher nicht. Oder die Kinder in unserer Straße. Wir waren mindestens 30 Kinder: Markus nicht, ich ja, Detlef nicht, Dagmar wieder, Christine nicht, Hansi ja,  Brigitte nicht, Gerhard ja – unglaublich, und die allerwenigsten (das ist ein weiterer Befund dieses Buches) haben den anderen etwas gesagt. Wir (ich) haben es aus Scham für uns behalten. Die Fassade wurde unter erneuter Prügelandrohung nach außen aufrecht erhalten. Nichts durfte nach außen dringen.

“Wenn du erzählst, was hier zuhause passiert, dann geht’s wieder in  dein Gefängnis”, so die Drohung meines Vaters. Diejenigen unter Ihnen, die meine Newsletter schon länger lesen  wissen, dass mit ‘Gefängnis’ der Trockenraum im Keller unseres Hauses, in der netten Neubausiedlung am Rande der Stadt gemeint war – der Raum, in dem ich immer die Stunden nach den Prügel verbringen musste, bevor ich dann unter den Augen meiner Mutter, ohne Essen ins Bett musste.

Meine Mutter war 20 als sie schwanger wurde, mein Vater 22. Vaters Eltern waren ehemals reiche Ostpreußen, die alles verloren hatten, Mutters Eltern vertriebene Sudetendeutsche, Handwerker und Gastwirte, die ebenfalls alles verloren hatten. Heute weiss ich, dass das Leid dieser  beiden Familien meine ganze Kindheit gegenwärtig war – fast wie ein Fluch…

Es war ein kollektiver Anschlag gegen die Menschlichkeit, insbesondere  gegen die kleinen Menschen, der damals stattfand. Die Spätfolgen sind noch heute für die damaligen Kinder zu spüren: Was der Autorin bei ihrer Recherche auffiel ist, dass die heutigen Erwachsen, die als Kinder geprügelt und misshandelt wurden, ihre Wut über das, was ihnen angetan wurde, nicht auf ihre Eltern richten. Stattdessen halten sich viele für schlechte Menschen und fanden die Gründe, warum die Eltern sie so behandelt haben, ausschließlich bei sich.

Ja, Verleugnung und Abspaltung kann soweit gehen, dass ich 5 Jahre, nachdem ich mich von dem Joch meines Vaters befreit hatte, einer 15 Jahre älteren Freundin allen Ernstes sagte: “Ja, aber ich habe die Schläge auch gebraucht”.  Erst deren fassungsloses Gesicht, ihre Reaktion und Gegenargumente haben bei mir erstmals eine andere Sichtweise möglich gemacht.

Können Sie sich vorstellen, dass ich so etwas geglaubt habe, obwohl ich meinen Vater Zeit meiner Kindheit verabscheut und aus tiefstem Herzen gehasst habe. Heute, mit fast 50, hab ich mehr und mehr Mitgefühl für den armen kleinen Bernd (paradoxerweise tragen wir beide auch noch denselben Namen), der es  eben nicht schaffte, das Joch seiner Kindheit abzulegen und der mir, seinem  ältesten Sohn sein Unerlöstes mit auf den Weg gab.

Denn so sehe ich es heute. Was die Elterngeneration nicht löst, bekommt die nächste Generation mit aufgeladen. Neben allem, was jeder von uns im Leben als Aufgaben hat (und das ist viel, wenn man ein gelingendes, zufriedenstellendes Leben anstrebt), muss auch das Unerlöste der Eltern erlöst und abgelegt werden. Nur so ist Freiheit und gesunde Entwicklung möglich. Ansonsten wird es an die nächste Generation weitergegeben, und so weiter und so weiter und so  weiter – die Sünden der Väter wirken für 7 Generationen (Bibel).

Eine meiner wichtigsten Richtschnüre in diesem Zusammenhang stammt von Karlfried Graf Dürckheim: Der reife Mensch wird sein Schicksal als Auftrag annehmen und es am Faden von Zeit und Ewigkeit so gut erarbeiten wie er nur kann.

Oben genanntes Buch ist hart – es trifft, rüttelt auf, macht sprachlos, wütend, traurig und fassungslos. Es ist zweifellos ein sehr wichtiges Buch für alle Kinder meiner Generation: Aufdeckung, Aufarbeitung, Auflösung -  Neubeginn und Anfang…
Ich reduziere Titel von Jesper Juul (*1948), Wolf Bergmann (*1944 – † 18. Mai 2011), Manfred Spitzer (*1958), Wolf Büntig (*1937), Gerald Hüther (*1951) und Gunther Schmidt (*1945) u.a. drastisch. Alle diese Männer setzen sich mit ihrem ganzen Schaffen und Wissen dafür ein, Kinder als Menschen zu behandeln, sie zu lieben und in ihnen unsere “Fortführung” zu sehen.

Sehr geehrtes Auditorium, was wollen wir, dass unsere Kinder von uns nach unserem Tod in der nächsten Generation weiterführen?

Ihr Bernd Ulrich

Statistik:
Nach Angaben des BKA, Bundeskriminalamt stieg die Zahl der missbrauchten Kinder im Zeitraum 2005 bis 2009 um 29%. 36300 Kinder wurden 2010 von Jugendämtern aus ihren Familien genommen.  Innerhalb von 5 Jahren war das eine Steigerung von 42%. In 50% der US-amerikanischen Schulen gehört das Verprügeln der Schüler  zum Schulalltag und wird von den Eltern ausdrücklich gewünscht. In den USA sterben 27 Kinder wöchentlich an den Misshandlungen durch ihre Eltern. In  Deutschland sind es 2.
Nur 16 von 150 Ländern weltweit haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert. Seit 2000 auch Deutschland.

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